C. J. Schmidt hat sich in diesen wenigen Jahren stark entwickelt. Der innere Ausbau soll ebenso zügig erfolgen. Bereits 1972 regt die Geschäftsleitung die Wahl eines Betriebsrates an. Dabei wird sie von der Erkenntnis geleitet, dass die berechtigten Interessen der Mitarbeiter mit den Möglichkeiten der Firma abgestimmt werden müssen. Die Betriebsratsmitglieder werden langjährig wiedergewählt, was sich für die Zusammenarbeit im Hause als segensreich erweist.
Die Vereinbarung, alle auftretenden Probleme intern, also ohne äußere Zugriffe, zu lösen, soll sich über Jahrzehnte bewähren.
C. J. Schmidt „wardt old“ – die 100-Jahr-Feier
Aber auch auf baulichem Sektor tut sich einiges. Die heimische Wirtschaft wächst, und nicht nur C. J. Schmidt platzt aus allen Nähten. Sparkasse, Husumer Nachrichten und andere Unternehmen schauen sich ebenfalls nach neuen, größeren Domizilen um. Die Folge ist eine Umwälzung des gesamten Stadtgefüges.
So kauft C. J. Schmidt die bisherige Sparkasse, während diese den Sitz der Husumer Nachrichten und das daneben liegende Gebäude mit der Papierwarenhandlung Orth sowie Kröger und Overbeck erwirbt.
Orth wiederum zieht in das Haus Bollmann auf der Neustadt um, und die Husumer Nachrichten kaufen das Geschäftshaus der Firma Georg C. Hansen, die ihre Tätigkeiten ins Industriegebiet verlagert. In diese Zeit, 1976, fällt auch das 100-jährige Geschäftsjubiläum von C. J. Schmidt, das alle Erwartungen übertrifft. In einer vergnüglichen plattdütschen Rede bringt der damalige Kreisbauernvorsitzende die Sache auf den Punkt:
„Urahne, Grotmudder, Mudder und Kind
in een Stuuv tosamen sünd,
as Mudder sick de Zeitung holt
un sä: die Firma Schmidt wardt old;
hett 100 Lenze op de Nack,
verflixt nochmal, dat is all wat.“
Nur wenige Tage nach der 100-Jahr-Feier verstirbt 1976 Peter Cohrs, der damalige Seniorchef im Alter von 85 Jahren nach einem erfüllten Leben voller Arbeit, aber auch voller Anerkennung.
1977 geht C. J. Schmidt in einem weiteren Schritt zur Modernisierung des Hauses daran, die alte Sparkasse abzureißen. Damit hofft die Familie einen lang gehegten Traum Wahrheit werden zu lassen und endlich einen großzügigen Zugang zum Markt zu erhalten.
Doch der Neubau ist mit zahlreichen Schwierigkeiten verbunden. So müssen unter der Twiete Zuganker zu den Nachbarhäusern gelegt werden. Außerdem werden, wie es nach damaligem Zeitgeist erforderlich scheint, fünf Rolltreppen installiert, deren Ankunft die halbe Stadt auf die Beine bringt. 1978 wird der Neubau eröffnet, nachdem zuvor auch das Aussteuerhaus in der Krämerstraße (heute Kloppenburg) in den Komplex integriert worden ist.
Das neue Haus erfüllt alle Wünsche. Es ist großzügig und modern, wahrt aber trotzdem seine persönliche Note und vermittelt eine angenehme Atmosphäre. Die Kunden kommen von nah und fern. Auch die architektonische Gestaltung findet Anerkennung. Mehr noch: Die Erhaltung der historischen Fassaden inspiriert andere Geschäftsleute, dem Beispiel C. J. Schmidts zu folgen.
„Das Paradies der Damen“
Ein damals ungemein populärer Roman, „Das Paradies der Damen“ von Emile Zola, hatte wesentlichen Einfluss auf die Umbauarbeiten im Hause. Das Stichwort hieß „Erlebnisbühne schaffen“, die Kunden verwöhnen.
Der Einzugsbereich der Firma musste sich vergrößern und jede Abteilung so gut sein, dass es sich lohnte, von weither nach Husum zu fahren. Um das umzusetzen, wurden mit dem Architekten Czermack, einem der führenden europäischen Ladengestalter, Pläne entwickelt, die von Erfolg gekrönt sein sollten. Czermaks Ideen hatten wesentlichen Anteil daran, dass sich C. J. Schmidt zu einem der größten Fachgeschäfte in Schleswig-Holstein entwickelte.
Allerdings gehen ökonomische und kommunale Infrastrukturentwicklung nicht unbedingt Hand in Hand. So ergeben sich unterschiedliche Auffassungen zum Thema Verkehrsführung. Während die Politik mehrheitlich eine verkehrsberuhigte Innenstadt anstrebt, will die Wirtschaft eine solche Maßnahme erst in Betracht ziehen, wenn die Bauarbeiten an der Umgehung abgeschlossen sind. Der Übergangszustand ist begleitet von jahrelangen Diskussionen um Verkehrsströme und Parkmöglichkeiten in der Innenstadt.
Überhaupt ist in den 70ern nicht alles Gold, was glänzt. So wird Husum durch die Zusammenlegung der früheren Kreise Südtondern, Husum und Eiderstedt zum Kreis Nordfriesland zwar Kreisstadt, doch dafür erlebt es noch im selben Jahr seinen letzten Viehmarkt. Die fortschreitende Kühlfleischvermarktung und die Ansiedlung eines Zentralschlachthofes der Nordfleisch AG 1964 hatten ihm die Existenzgrundlagen entzogen.
Größte Arbeitgeber sind in jenen Jahren die Verwaltungen von Stadt und Kreis und die Bundeswehr. Größter gewerblicher Unternehmer ist die Schiffswerft, aber auch C. J. Schmidt zählt bereits zu den Großbetrieben. Der Tourismus gewinnt an Bedeutung, und das Gewerbegebiet wächst.
Wieder ist es die Firma C. J. Schmidt, die über das Commerzium klar zum Ausdruck bringt, dass eine so bedeutende Einkaufsstadt wie Husum angesichts der veränderten Konsumbedingungen beides braucht: die Ansiedlung von Großbetrieben auf der grünen Wiese und eine intakte Innenstadt mit hochentwickelten Fachgeschäften, die über günstige Parkmöglichkeiten bequem zu erreichen sind, die zum Shopping und zum Flanieren in gepflegter Atmosphäre einladen und den Besuch in der Storm-Stadt nicht zuletzt dank seiner kulturellen Einrichtungen zum Erlebnis machen.
Viel Schnee und großer Zusammenhalt
Mit der Maxime „Qualität ist Trumpf“ steuert C. J. Schmidt auf die 80er Jahre zu, wobei fachkundige Beratung das Wesen dieser Qualität bestimmt. Doch zuvor ist noch von einer Katastrophe zu berichten, die den meisten Husumern eigentümlicher Weise als recht positiv in Erinnerung ist: der Schneewinter von 1979.
Die überwiegend guten Erinnerungen an diesen feuchten Ausnahmezustand mögen darin begründet liegen, dass die Bürger in ihrer Not fester zusammenrückten. Das galt auch für die Husumer Kaufmannschaft. Eine Schneegemeinschaft wurde gegründet. Vergessen war alle Konkurrenz. Der Schneemassen vor den Geschäftseingängen konnte man nur gemeinsam Herr werden. Aber wohin damit?
Als Peter Cohrs gerade am Hafen unterwegs war, kamen dort drei Schneepflüge vorbei, die aus Heide zur Unterstützung angefordert worden waren. Doch die Fahrer hatten keine genauen Anweisungen mitbekommen und fragten Peter Cohrs um Rat. Der fackelte nicht lange und wies sie an, die Innenstadt wieder begehbar zu machen.
„Aber was machen wir mit all dem Schnee?“, wollten die Männer wissen. „Den schiebt ihr in den Binnenhafen“, antwortete Cohrs. Und das taten sie dann auch, allerdings mit dem unerwünschten Nebeneffekt, dass ein Boot unter den Massen begraben wurde und unterging. „Das hat uns 3.000 Mark gekostet“, erinnert sich Cohrs. Die seien aber anstandslos bezahlt worden. Und zum Abschluss gab es eine „feuchte Kassenabrechnung“ mit Köm und Bier, bei der manche neue Freundschaft geknüpft wurde.
Cohrs, ohnehin meist auf dem Fahrrad unterwegs, nahm den Schneewinter übrigens als sportliche Herausforderung und fuhr auf Langlaufskiern zur Arbeit. Bald schon fand er damit zahlreiche Nachahmer, und so glich Husum zeitweilig einem Wintersportort – wenn auch ohne Gebirgspanorama.
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