Historie-

 
 
 

die 60er Jahre

 Als im Hause C. J. Schmidt 1964 eine erneute Vergrößerung der Verkaufsfläche erforderlich wird, hat sich die Welt verändert. Zwischen den beiden deutschen Staaten steht eine Mauer, Adenauer übergibt die Staatsgeschäfte vorzeitig an Ludwig Erhard, und die deutsche Wirtschaft zeigt Überhitzungserscheinungen. Bis 1964 arbeiten in Deutschland nicht weniger als eine Million Gastarbeiter. Das Wachstum geht zurück und politisch zeichnen sich bereits die Umrisse der Außerparlamentarischen Opposition (APO) ab.

Das Mode- und Textilhaus an der Westküste
Auch in Husum hat das neue Jahrzehnt turbulent begonnen. 1962 wird die Stadt von einer gewaltigen Sturmflut heimgesucht. Der Deich am Dockkoog bricht, weite Teile des Stadtgebiets werden überschwemmt.

Im Jahr darauf folgt die Umgestaltung des Marktplatzes, und C. J. Schmidt bezieht im Haus Krämerstraße 5 (vormals Schuhhaus Brandt) neue Räume.

Dies führt zu einer nochmaligen Vergrößerung der Verkaufsfläche um 30 Prozent. Ein zentrales Treppenhaus und eine moderne Eingangslösung mit Luftvorhang geben dem Haus ein großzügiges und zeitgemäßes Gepräge.

C. J. Schmidt wird zu einem der größten und modernsten Textilhäuser im gesamten Raum, zumal die Krämerstraße auf Initiative der Firma inzwischen zur Fußgängerzone erklärt und mit den Mitteln der Anlieger ausgebaut worden ist.

Allerdings darf bei der stetigen Vergrößerung der Verkaufsfläche und damit zugleich des Geschäftsumfangs nicht übersehen werden, dass die Konkurrenz in den großen Nachbarstädten immer größer wurde.

Ihr konnte am besten durch eine Konzeption begegnet werden, die dem Standort an der schleswig-holsteinischen Westküste angemessen war. Denn die Konsumgewohnheiten hatten sich verändert.

Hatten früher Kleiderstoffe die größte Bedeutung, so war in den 60er Jahren zunehmend Konfektion gefordert. Familie Cohrs erkannte diese Chance. Man fuhr zur „Durchreise“ nach Berlin und traute sich Modelle einzukaufen, die auch anspruchsvollen Geschmäckern genügten – mit Erfolg.

In diese Zeit fällt eine bemerkenswerte Fernsehreklame, die älteren Kunden noch gut in Erinnerung sein dürfte. Gemeinsam mit fünf anderen Firmen wirbt C. J. Schmidt unter dem Stichwort „Die sechs Richtigen im Norden“ beim Norddeutschen Rundfunk, was einer kleinen Sensation gleichkommt.
 
Das Konsumverhalten verändert sich
Das veränderte Konsumverhalten führt auch zu Überlegungen, was noch zusätzlich getan werden kann, damit sich die Kunden im Hause C. J. Schmidt wohlfühlen.

Nicht zuletzt vor diesem Hintergrund wird 1965 im dritten Stock des Geschäftshauses ein Café-Restaurant mit eigener Konditorei und Küche eingerichtet. Hier können sich die Kunden vom Einkaufsbummel erholen und den Blick über den Hafen genießen.

Das Café-Restaurant „Dachgarten“ wird in der Folgezeit zu einem Anziehungspunkt für Jung und Alt, der aus Husum nicht mehr wegzudenken ist.

Gleichwohl war auch in diesem Falle der Anfang nicht leicht, denn die Seniorchefin fand es gar nicht gut, dass ihr Mann für diese neue Firmenidee sein schönes Büro in der Ecke Krämerstraße/Twiete hergeben sollte.

Zum anderen war auch der Wirteverband in Husum über die neue Konkurrenz alles andere als entzückt. Doch nach einigen Monaten hatten sich die Wogen schon wieder geglättet. Man hatte eingesehen, dass durch das schöne neue Café auch Kunden von weither nach Husum angezogen wurden.

Dass C. J. Schmidt mit der Eröffnung des Café-Restaurant auch noch die Mittagszeit von 12 bis 14 Uhr aufhob, sorgte anfangs ebenso für Aufregung. Aber auch dieser Schritt sollte sich bereits nach wenigen Wochen als zukunftsweisend für die gesamte Husumer Wirtschaft erweisen.

Auch sonst stellte sich die Firma den vielfältigen Aufgaben einer veränderten Geschäfts- und Wirtschaftspolitik.

Das betraf nicht zuletzt die innerbetriebliche Organisation, die den Erfordernissen der Zeit angepasst wurde. So erhielten die Abteilungsleiter größere Aufgabenbereiche und weiterreichende Kompetenzen. Gleichzeitig wurde ein Betriebsrat gewählt.

„Die fruchtbare Zusammenarbeit zwischen Geschäftsleitung und Mitarbeitern bildet bis heute den Kern für das gute Betriebsklima im Hause C. J. Schmidt“, sagt Peter Cohrs. Darüber hinaus schuf Peter Cohrs die C J S –Unterstützungs-kasse, die Mitarbeitern bei gesundheitlichen Notsituationen zugute kommt.

Der Weg zur Großstraße wird frei
Waren bis dahin Krämerstraße und Neustadt die Hauptgeschäftsstraßen Husums, so verlagert sich der Kundenstrom von nun an zusehends in die Großstraße.

Die Geschäftsführung ist daher bemüht, auch zum Markt einen eigenen Geschäftseingang zu bekommen.

Nach zähen Verhandlungen werden 1968 die Häuser Otto Hinrichsen an der Großstraße, eines der schönsten und ältesten Gebäude der Stadt, und Lamp in der Krämerstraße erworben. Damit ist der Weg zur Großstraße frei.

Befürchtungen, durch den Ankauf könnte sich das Bild der Großstraße grundlegend verändern, sollen sich nicht bestätigen.

Im Gegenteil: C. J. Schmidt bemüht sich schon hier, die schöne, alte Fassade im Originalzustand zu erhalten.

Und so erinnert sie noch heute an Theodor Storms Novelle „Drüben am Markt“, in der dieser den Arzt sehnsüchtig von der anderen Straßenseite herüberblicken lässt; dabei symbolisiert die großartige denkmalgeschützte Fassade des alten Patrizierhauses die vornehme Welt, die dem Kleinbürger von „drüben“ verschlossen blieb.

Das ist nach 1968 freilich nicht mehr der Fall: C. J. Schmidt steht allen offen – auch denen von „drüben“. Beim Umbau des 1749 errichteten Hauses wurde unter der Kellersohle im Erdreich übrigens ein alter Vierkant-Stock-Anker gefunden, der heute im Schifffahrtsmuseum liegt.

Möglicherweise schon ein Fingerzeig auf die späteren Aktivitäten der Familie Cohrs als Kultursponsoren?

Auf jeden Fall aber ein Synonym dafür, dass die Familie auch über die 60er Jahre hinaus fest in der Stadt verankert bleibt.

 

 

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